Auswärtsspiel RB Leipzig

Die Frage nach unserer Grundeinstellung zu RB Leipzig und damit verbunden die Frage, wie wir mit dem Auswärtsspiel des FSV Frankfurt in Leipzig umgehen, hat uns während der laufenden Saison sehr beschäftigt. Wir kommen als Gruppe nicht umhin festzustellen, dass wir sowohl den Verein RB Leipzig, als auch seinen unreflektierten Gegenprotest kritisieren müssen. RB Leipzig zu kritisieren, weil es sich in diesem Fall um einen Verein ohne lang andauernde Geschichte handelt, zielt für uns am Kernproblem weit vorbei. Wenn sich in der Gegenwart ein Fußballverein gründet, um attraktiven Fußball zu spielen, dann ist dies in keiner Weise verwerflich. Ultras müssen endlich einsehen, dass Tradition zwar in gewisser Weise identifikationsstiftend wirken kann, jedoch auf der anderen Seite auch Verantwortung mit sich bringt, wie zum Beispiel die Aufarbeitung dunkler Vereinskapitel. Die Tatsache, dass manche Vereine erst kurz existieren, darf nicht weiter so unreflektiert dafür herhalten, dass es Negativentwicklungen im Fußball gibt. Vielmehr sollte man einen Verein wie RBL dafür kritisieren, dass er undemokratische Vereinsstrukturen besitzt und seiner Grundlogik nach unkritisch Werbung für einen Konzern wie Red Bull macht, der selbst im Jahr 2015 noch unangefochtener Marktführer für die Herstellung von Energy-Drinks ist. Ein Fußballverein kann Sponsoring-Verträge abschließen und für Unternehmen werben, das wird in Zeiten des vollkommerzialisierten Fußballs keine_r mehr ernsthaft bekämpfen können. Jedoch betrachten wir es kritisch, wenn ein Verein nicht mehr bloß Werbeträger einer Marke ist, die er jeder Zeit ablegen kann, sondern zur Marke mit dem Selbstzweck Werbung wird. Ein Fußballverein, der vollkommen abhängig von Konzernen arbeitet, kann zum Spielball dieser werden. Bleibt in naher Zukunft der sportliche Erfolg bei RB Leipzig aus, droht der Rückzug des Konzerns als Existenzgrundlage des Vereins. Fußball wird Mittel zum Zweck. Unserer Meinung nach ist dies jedoch kein Alleinstellungsmerkmal für Red Bull. Jeder große Verein in Europa hat längst nicht mehr das demokratisch organisierte und vielfältige Vereinsleben im Sinn, sondern auch einen finanziell rentablen Fußballsport. Man muss sich also endlich davon befreien, RB Leipzig zum Sündenbock aller kommerzieller Entwicklungen im Fußballsport zu machen.

Die „Nein-zu-RB“-Kampagne hat für uns mit einer einseitigen und unreflektierten Haltung geglänzt. Unverständlich in diesem den Traditionsbegriff verehrenden Zusammenschluss einiger Szenen ist, dass sich auch Fanszenen von Vereine wie dem FC Ingolstadt an dieser Aktion beteiligen. Diese Tatsache lässt die Vermutung entstehen, dass die Investitionen des Autokonzerns „Audi“ und deren personelle Unterstützung für den FCI intern mit anderen Maßstäben kritisiert werden, als die Unterstützung Red Bulls für den RBL. Für uns muss eine differenzierte Kapitalismuskritik geäußert werden, bei der alle Vereine gleichermaßen unter die Lupe genommen werden und es nicht zu einem Feindbild und einer Personifizierung der Missstände kommt. Die Grundhaltung vieler Fußballanhänger_innen, einen gemeinsamen Feind auszumachen, ist sicherlich leichter als noch selbstkritischer die eigene Vereinsentwicklungen zu verfolgen.

Trotz unserer unterschiedlichen Ansatzpunkte zur Thematik RB Leipzig, haben wir als Gruppe Probleme mit der Art, wie im Leipziger Zentralstadion mit Kritik umgegangen wird. Es kann und darf nicht sein, dass im Stadion auch von Heimseite nur „Red Bull“ konforme Meinungen einen Platz erhalten dürfen. Auch der RBL muss offen mit seiner Kritik umgehen und sich dieser stellen. Derzeit lässt RBL jedoch für uns keinerlei erkennbare Freiräume, in denen sich eine kritische Fankultur bewegen kann. Das Verbot antirassistischer Spruchbänder gegen die LEGIDA-Demonstration seitens RB hat das Fass für uns in dieser Hinsicht zum Überlaufen gebracht. Wir wollen diese Entwicklung nicht unterstützen, indem wir mit unserem Tifo Normalität ausstrahlen. Für uns ist es nicht hinnehmbar, dass die Meinungsfreiheit in einem Gästeblock derart eingeschränkt wird. Und diese Grundhaltung beziehen wir nicht nur auf RB. Auch unseren Verein würden wir in höchstem Maße kritisieren, wenn im Stadion am Bornheimer Hang antirassistische oder fanpolitische Spruchbänder verboten wären.
Unser Entschluss steht. Wir werden uns am Sonntag nicht den Mund verbieten lassen und den Weg nach Leipzig auf uns nehmen, sondern für ein kreatives Alternativprogramm sorgen. Wir wollen zeigen, dass wir bereit sind weitere Freiräume für Fans zu schaffen und merken auch bei unserem FSV, dass nur allzu spärlich Kompetenzen an uns abgegeben werden und hoffen, dass sich die Kommunikation zwischen Fans und Verein stetig verbessern kann. In unserer Planung musste sich daher kurzfristig einiges ändern und wir können doch noch nicht, wie geplant, unseren Block künstlerisch gestalten. Stattdessen werden wir am Sonntag gemeinsam kreative und werthaltige Arbeit leisten, mit der sich im Anschluss hoffentlich Geld für einen guten Zweck sammeln lässt. Wenn sich FSV-Fans dafür interessieren, was wir vorhaben, können sie uns jederzeit kontaktieren und uns bei unserer Arbeit unterstützen, um zu zeigen, wofür wir stehen.

Freiräume zurückholen und Antirassismus konsequent leben!